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Wie zirkulär ist die Kreislaufwirtschaft wirklich?

So lange wir Rohstoffe akkumulieren, bleibt das Schließen des Materialkreislaufes eine Illusion – selbst für Materialien, die im Prinzip recycelbar sind.

Übersetzt von: Stella Rieck

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Bild: Illustration von Diego Marmolejo.

Die Kreislaufwirtschaft – das neuste Zauberwort aus dem Bereich der Nachhaltigkeit – verspricht wirtschaftliches Wachstum ohne Zerstörung oder Abfall. Das Konzept konzentriert sich allerdings auf einen nur kleinen Teil des gesamten Ressourcenverbrauchs und lässt die Gesetze der Thermodynamik außer Betracht.

Eine Einführung in die Kreislaufwirtschaft

In ihrem Bestreben den CO2-Ausstoß zu verringern, ist die Kreislaufwirtschaft für viele Regierungen, Institutionen, Firmen und Umweltorganisationen zu einem wichtigen Instrument geworden. In der Kreislaufwirtschaft würden Ressourcen kontinuierlich wiederverwertet werden, was bedeutet, dass es keinen Abbau von Rohstoffen in Minen mehr gäbe und auch keinen Abfall. Die Betonung liegt auf der Wiederverwertung, die dadurch ermöglicht wird, dass Produkte so entworfen werden, dass man sie leicht entsorgen kann.

Ein weiterer Fokus liegt auf der Entwicklung einer “alternativen Konsumkultur”. In der Kreislaufwirtschaft besitzen wir Produkte nicht mehr, sondern wir leihen sie. Ein Kunde könnte so zum Beispiel für Licht anstatt für ein lichtspendendes Produkt zahlen, wobei die Firma Eigentümer des jeweiligen Produkts bleibt und die Stromrechnung bezahlt. Ein Produkt wird auf diese Art und Weise zu einer Dienstleistung. Man geht davon aus, dass dies Firmen dazu anspornt, die Lebensdauer und Wiederverwertbarkeit ihrer Produkte zu verbessern.

Die Kreislaufwirtschaft wird als Alternative zu einem linearen Wirtschaftsmodell (“Wegwerfwirtschaft”) präsentiert – ein Begriff, der von den Befürwortern der Kreislaufwirtschaft erfunden wurde, und der darauf zurückzuführen ist, dass industrielle Gesellschaften wertvolle Rohstoffe in Abfall verwandeln. Obwohl natürlich klar ist, dass das heutige industrielle Modell nicht haltbar ist, bleibt dennoch die Frage, inwiefern die sogenannte Kreislaufwirtschaft wirklich einen Unterschied machen würde.

Verschiedene wissenschaftliche Studien (s. Quellenverzeichnis) beschreiben das Konzept als “idealisiert”, als einen “Mischmasch verschiedener Ideen aus verschiedenen Disziplinen” oder als “eine vage Idee, die auf pseudowissenschaftlichen Konzepten beruht”. Es gibt drei Hauptkritikpunkte, die im Folgenden besprochen werden.

Zu komplex fürs Recycling

Das erste Problem in Sachen Glaubwürdigkeit hat mit dem Recyclingprozess moderner Produkte zu tun, der weit davon entfernt ist zu 100% effizient zu sein. Eine Kreislaufwirtschaft ist eigentlich nichts Neues. Im Mittelalter wurden alte Kleider zu Papier verarbeitet, Essensreste an Hühner und Schweine verfüttert und neue Gebäude aus Überresten alter Gebäude erbaut. Der Unterschied zwischen damals und heute liegt in den verwendeten Rohstoffen.

Vor der Industrialisierung wurde fast alles aus Materialien hergestellt, die entweder kompostierbar waren – wie Holz, Stroh oder Hanf – oder leicht recycelt oder wiederverwendet werden konnten – wie Eisen und Backstein. Moderne Produkte bestehen aus einer viel größeren Bandbreite an (neuen) Bestandteilen, die oft nicht kompostierbar sind und auch nicht leicht recycelt werden können.

Eine Studie des modularen Fairphone 2 – ein Smartphone, das entworfen wurde, um leicht recycelt werden zu können, und eine längere Lebensdauer haben soll – zeigt zum Beispiel, dass Kunststoffe, Mikrochips und Batterien es unmöglich machen, den Kreislauf zu schließen. Nur 30% der Materialien, die im Fairphone 2 benutzt werden, können wiederverwendet werden. Eine Studie mit LED-Lichtern kam zu einem ähnlichen Ergebnis.

Durch die weitverbreitete Anwendung von Kunststoffen, Mikrochips und Batterien wird es unmöglich, den Kreislauf zu schließen.

Je komplexer ein Produkt, desto mehr Zwischenschritte werden benötigt, um es zu recyceln. Bei jedem Zwischenschritt gehen Energie und Ressourcen verloren. Zumal bei elektronischen Produkten der Herstellungsprozess selbst schon viel mehr Ressourcen verbraucht als das Extrahieren der Rohstoffe, was bedeutet, dass das Recyceln des Endproduktes ohnehin nur einen minimalen Teil des eigentlichen Aufwands wettmachen kann. Und obwohl manche Kunststoffe in der Tat recycelt werden, entstehen bei diesem Prozess schlussendlich minderwertige Materialien (“Downcycling”), die danach schnell im Abfall landen.

Die geringe Effizienz des Recyclingprozesses alleine ist Grund genug, um dem Konzept der Kreislaufwirtschaft den Garaus zu machen: Der Verlust an Rohstoffen während des Recyclingprozesses muss durch weiteren Raubbau an den Ressourcen dieser Erde kompensiert werden. Recycling wird sich natürlich weiterentwickeln, aber es bleibt immer ein Kompromiss zwischen einem Maximum an Wiedergewinnung von Materialien einerseits und einem Minimum an Energieverbrauch andererseits. Was uns zum nächsten Punkt bringt.

Wie Energiequellen recyceln?

Das zweite Glaubwürdigkeitsproblem der Kreislaufwirtschaft hängt damit zusammen, dass 20% der totalen Ressourcen, die weltweit genutzt werden, fossile Brennstoffe sind. Mehr als 98% davon werden als Energiequelle verbrannt und können weder erneut genutzt noch recycelt werden. Im besten Fall kann der Überschuss an Wärme, der etwa bei der Stromerzeugung entsteht, verwendet werden, um andere Wärmequellen zu ersetzen.

Wenn Energie übertragen oder umgewandelt wird, nimmt ihre Qualität ab (Zweiter Hauptsatz der Thermodynamik). Es ist zum Beispiel unmöglich ein Auto oder ein Kraftwerk mit der überschüssigen Wärme eines anderen Autos oder Kraftwerks zu betreiben. Dementsprechend müssen auch weiterhin fossile Brennstoffe gewonnen werden. Außerdem benötigt das Recyceln von Materialien selbst auch Energie, und zwar sowohl während des eigentlichen Prozesses als auch für den Transport von recycelten oder noch zu recycelnden Materialien.

Die Antwort der Kreislaufwirtschaftsbefürworter hierauf lautet: Dann satteln wir eben auf 100% erneuerbare Energie um! Aber auch dadurch schließt sich der Kreis nicht: Um Kraftwerke und die dazugehörige Infrastruktur für erneuerbare Energie zu bauen und in Stand zu halten, braucht man auch Ressourcen (sowohl Energie als auch Materialien). Darüber hinaus besteht die Technologie, die genutzt wird, um erneuerbare Energie zu gewinnen und zu speichern, aus Materialien, die nur schwer zu recyceln sind. Aus diesem Grund werden Solarzellen, Windturbinen und Lithium-Ionen-Akkus nicht recycelt, sondern verbrannt.

Der Input ist größer als der Output

Das dritte Glaubwürdigkeitsproblem der Kreislaufwirtschaft ist auch gleichzeitig das größte: Die globale Nutzung von Ressourcen – sowohl in Sachen Energie als auch Materialien – wächst von Jahr zu Jahr. Die Nutzung von Ressourcen ist im letzten Jahrhundert um 1400% gestiegen: von 7 Gigatonnen (Gt) im 19. Jahrhundert auf 62 Gt im Jahr 2005 und 78 Gt im Jahr 2010. Das ist ein durchschnittliches Wachstum von etwa 3% pro Jahr – mehr als doppelt so hoch wie das Bevölkerungswachstum.

Wachstum macht eine Kreislaufwirtschaft unmöglich, selbst wenn alle Rohstoffe recycelt würden und Recycling zu 100% effizient wäre. Die Menge an gebrauchten Materialien, die recycelt werden können, wird immer kleiner sein als die Menge an Material, die für Wachstum nötig ist. Um dies zu kompensieren, bauen wir immer mehr Rohstoffe ab.

Wachstum macht eine Kreislaufwirtschaft unmöglich, selbst wenn alle Rohstoffe recycelt würden und Recycling zu 100% effizient wäre.

Die Differenz zwischen Angebot und Nachfrage ist größer als man denken würde. Wenn wir den gesamten Lebenszyklus von Ressourcen in Betracht ziehen, dann wird deutlich, dass die Befürworter der Kreislaufwirtschaft nur einen sehr kleinen Teil des gesamten Systems im Blick haben, und es deswegen falsch verstehen.

Das Anhäufen von Ressourcen

Ein beträchtlicher Teil aller Ressourcen – ungefähr ein Drittel – wird weder recycelt noch verbrannt oder entsorgt: Diese Ressourcen sammeln sich in Gebäuden, in der Infrastruktur und Konsumgütern an. 2005 wurden 62 Gt Ressourcen weltweit verbraucht. Abzüglich der Energiequellen (fossile Brennstoffe und Biomasse) und des Abfalls aus dem Bergbausektors bleiben 30 Gt übrig, die für die Produktion materieller Güter eingesetzt wurden. Davon wiederum wurden 4 Gt genutzt, um Produkte herzustellen, die weniger als ein Jahr lang halten (Einwegprodukte).

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Abbildung: Illustration von Diego Marmolejo.

Die restlichen 26 Gt wurden zur Herstellung von Gebäuden, von Infrastruktur oder Konsumgütern eingesetzt, die länger als ein Jahr halten werden. Im gleichen Jahr wurden 9 Gt aller überschüssigen Ressourcen entsorgt, was bedeutet, dass die “Stocks” des materiellen Kapitals in 2005 um 17 Gt angewachsen sind. Zum Vergleich: Der gesamte Abfall, der 2005 recycelt werden konnte, belief sich nur auf 13 Gt (4 Gt Einwegprodukte und 9 Gt überschüssige Ressourcen), wovon nur ein Drittel (4 Gt) effektiv recycelt werden kann.

Ungefähr ein Drittel aller Ressourcen wird weder recycelt noch verbrannt oder entsorgt, und sammelt sich stattdessen in Gebäuden, in der Infrastruktur und Konsumgütern an.

Nur 9 Gt werden schließlich auf eine Deponie gebracht, verbrannt, oder anderweitig entsorgt – und es sind diese 9 Gt, auf die die Kreislaufwirtschaft ihr Augenmerk legt. Aber selbst wenn diese komplett recycelt würden und der Recyclingprozess zu 100% effizient wäre, wäre der Kreis immer noch nicht geschlossen: 63 Gt an Rohstoffen und 30 Gt an materiellen Gütern würden immer noch fehlen.

So lange wir Rohstoffe akkumulieren, bleibt das Schließen des Materialkreislaufes eine Illusion, selbst für Materialien, die im Prinzip recycelbar sind. Zum Beispiel können recycelte Metalle nur 36% der jährlichen Nachfrage an neuen Metallen decken, obwohl Metall relativ gut recycelbar ist, nämlich zu ungefähr 70%. Wir benötigen trotzdem mehr Rohstoffe für das System als durch Recycling wieder gewonnen werden können – und deswegen gibt es einfach nicht genug recycelbare Rohstoffe, um der kontinuierlich wachsenden extraktiven Weltwirtschaft einen Riegel vorzuschieben.

Das wahre Antlitz der Kreislaufwirtschaft

Eine verantwortlichere Nutzung von Ressourcen ist natürlich eine wunderbare Idee, aber um dieses Ziel zu erreichen, sind Recycling und Wiederverwertung nicht genug. Da 71% aller Ressourcen nicht recycelt oder wiederverwertet werden können (44% davon sind Energiequellen und 27% werden existierenden Stocks zugefügt), kann man nur eine Verbesserung erreichen, indem man den gesamten Verbrauch reduziert.

Eine Kreislaufwirtschaft würde deswegen voraussetzen, dass wir weniger fossile Brennstoffe nutzen (was nicht das Gleiche ist wie mehr erneuerbare Energien zu nutzen) und dass wir weniger Rohstoffe in Konsumgütern akkumulieren. Am allerwichtigsten ist, dass wir weniger Zeug herstellen: weniger Autos, weniger Mikrochips, weniger Gebäude. Das hätte gleich zwei Vorteile: Wir würden weniger Ressourcen benötigen und gleichzeitig würde das Angebot an ausrangierten Materialien für Recycling und Wiederverwertung für viele Jahr gewährleistet sein.

Es ist unwahrscheinlich, dass die Befürworter der Kreislaufwirtschaft diese zusätzlichen Bedingungen akzeptieren würden. Das Konzept der Kreislaufwirtschaft will Nachhaltigkeit und Wirtschaftswachstum miteinander verbinden – in anderen Worten: mehr Autos, mehr Mikrochips und mehr Gebäude. Die Europäische Union zum Beispiel geht davon aus, dass die Kreislaufwirtschaft ein “nachhaltiges Wirtschaftswachstum ermöglicht”.

Selbst die weniger ambitiösen Ziele der Kreislaufwirtschaft – das vollständige Recyceln eines Teils der Ressourcen – setzt eine weitere Kondition voraus, mit der die Befürworter wahrscheinlich auch nicht zufrieden wären: dass alles wieder aus Holz und einfachen Metallen hergestellt wird, und somit auf die Nutzung von Kunststoffen, Halbleitern, Lithium-Ionen-Akkus oder Kompositwerkstoffen verzichtet wird.

Kris De Decker

Quellenverzeichnis:

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Gregson, Nicky, et al. “Interrogating the circular economy: the moral economy of resource recovery in the EU.” Economy and Society 44.2 (2015): 218-243.

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Korhonen, Jouni, Antero Honkasalo, and Jyri Seppälä. “Circular economy: the concept and its limitations.” Ecological economics 143 (2018): 37-46.

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Reuter, Markus A., Antoinette van Schaik, and Miquel Ballester. “Limits of the Circular Economy: Fairphone Modular Design Pushing the Limits.” 2018

Reuter, M. A., and A. Van Schaik. “Product-Centric Simulation-based design for recycling: case of LED lamp recycling.” Journal of Sustainable Metallurgy 1.1 (2015): 4-28.

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