Die mit Muskelkraft betriebene Handkarre ist das älteste Fahrzeug der Welt und wird wahrscheinlich auch das letzte sein, das es in Zukunft noch geben wird. Von allen Fahrzeugen ist sie am günstigsten und am einfachsten zu bauen und zu benutzen. Sie bietet einen großen Vorteil gegenüber dem Tragen von Lasten auf dem Rücken oder dem Ziehen über den Boden, dem noch älteren Konzept des Schlittens. Andererseits ist die Handkarre billiger und einfacher zu benutzen als ein von Tieren gezogener Karren. Ochsen und Esel fressen mehr als Menschen, und sie haben ihren eigenen Willen, der dem Fahrer zu schaffen machen kann.
Wie jedes andere Fahrzeug auf Rädern benötigt die Handkarre Wege, auf denen sie gefahren werden kann. Diese Infrastruktur war im Laufe der Geschichte nicht immer und überall vorhanden. Im mittelalterlichen Europa beispielsweise waren Träger und Lasttiere aufgrund der schlechten Straßenverhältnisse weiter verbreitet als Handkarren. 1 Im Westen erlebte die Handkarre ihre Blütezeit erst in den ersten Jahrzehnten der industriellen Revolution, als sie schnell wachsende Städte mit Bahnhöfen und Häfen verband. In China hingegen war sie jahrtausendelang das Rückgrat des Transportnetzes. 2
Von allen Fahrzeugen ist die Handkarre am günstigsten und am einfachsten zu bauen und zu benutzen.
In der modernen Gesellschaft gibt es noch immer viele handbetriebene Transportmittel: Kinderwagen, Einkaufswagen, Rollkoffer und verschiedene Transport- und Faltwagen. Diese modernen Gefährte stehen jedoch zu ihren Vorgängern in demselben Verhältnis wie Vögel zu Dinosauriern. Sie sind klein, haben oft sehr kleine Räder, und wir nutzen sie für sehr kurze Strecken, meist innerhalb von Gebäuden. Im Gegensatz dazu waren althergebrachte Handkarren oft groß und hatten große Räder, und sie wurden auf Straßen und über längere Strecken geschoben oder gezogen. Viele Handwerke und Berufe hatten ihre eigene Art von Handkarren.
Deshalb brauche ich eine Handkarre
In sogenannten „Entwicklungsländern“ werden nach wie vor große Handkarren verwendet. Doch sie können auch in den Großstädten der industrialisierten Welt genauso nützlich sein, wie ich nach einigen Monaten der Nutzung bestätigen kann. Im vergangenen Herbst erhielt ich eine Praktikumsbewerbung von Kozimo, der an der Design Academy Eindhoven studiert. In seiner Bewerbung schickte Kozimo ein Video einer großen Handkarre, die er selbst gebaut hatte und mit der er durch die Straßen von Rotterdam in den Niederlanden fuhr.
Ich habe schon immer von einem Handwagen geträumt. Ich habe noch nie ein Auto besessen, und ich vermisse eines nur dann, wenn ich Dinge transportieren muss, was in letzter Zeit immer häufiger vorkommt. Deshalb habe ich Kozimo vorgeschlagen, mir eine Handkarre zu bauen.
Mittlerweile kann ich mir ein Leben ohne sie gar nicht mehr vorstellen. Ich habe das Gefährt genutzt, um Umzüge von Wohnungen und Büros zu bewältigen, online gekaufte Materialien und Gegenstände – ob neu oder gebraucht – abzuholen und Materialien für Workshops und Veranstaltungen (Fahrradgeneratoren, Solarpanels, Solaröfen, Bücher, Lautsprecheranlagen) zu transportieren. Das habe ich auch für Freunde getan. Bei diesen Fahrten habe ich oft Materialien, Möbel oder Gegenstände mit nach Hause genommen, die ich kostenlos auf den Straßen Barcelonas gefunden habe.
Im Gegensatz zu einem Transporter oder einem Auto benötigt meine Handkarre weder Benzin noch Strom oder Batterien, wodurch sie völlig unabhängig von der Energieinfrastruktur bleibt. Auch muss ich für sie keine Steuern und Versicherung bezahlen. Die Handkarre ist ein sehr demokratisches Transportmittel. Sie ermöglicht es jedem, eine Last dorthin zu transportieren, wohin er möchte, während ältere, weniger erschwingliche Autos und Kleintransporter aufgrund der Einrichtung von Umweltzonen nicht mehr in die Innenstädte fahren dürfen.
Eine Handkarre benötigt weder Benzin noch Strom oder Batterien und ist somit völlig unabhängig von der Energieinfrastruktur.
Es wäre sehr sinnvoll, solche Fahrzeuge in Nachbarschaftszentren anzubieten, wo sie allen Nachbarn bei Bedarf zur Verfügung stehen. Nur wenige Menschen würden täglich einen Handwagen benötigen, und die gemeinschaftliche Nutzung würde das Parkplatzproblem lösen. Obwohl unsere Handkarre auch senkrecht geparkt werden kann, passt sie in die meisten Wohnungen nicht hinein.
Beschreibung der Handkarre
In diesem Artikel wird nicht im Detail erklärt, wie man eine Handkarre baut. Das wollen wir ein anderes Mal anhand eines einfacheren Modells tun, denn das Fahrzeug, das wir in diesem Artikel vorstellen, ist nicht so einfach, dass es jeder selbst bauen könnte. Man benötigt gute Kenntnisse in der Holz- und Metallbearbeitung, und so wurde unsere Handkarre tatsächlich auch von zwei Personen gebaut.
Kozimo entwarf und baute die gesamte Konstruktion aus Holz, während Guilhem Senges – bildender Künstler und einer meiner Nachbarn – mehrere wichtige Metallverstärkungen entwarf und anfertigte; die Räder, die Bremsen und der Lenker sind alle mit maßgefertigten Eisenteilen an der Holzkonstruktion befestigt.
Ladegewicht und -volumen
Die Handkarre des Low-tech Magazine ist 250 cm lang und 100 cm breit, während die Ladefläche selbst 210 × 85 cm misst. Bei einer angenommenen Ladehöhe von 50 cm beträgt das Ladevolumen rund 1,55 m³ (37 Kubikfuß bzw. 1050 Liter). Das ist zwei- bis viermal so viel wie das typische Kofferraumvolumen eines europäischen Autos. Wir haben Fracht transportiert, die breiter oder länger als der Karren war: einen großen Heiztisch von 140 × 140 cm und mehrere Ladungen Holzbalken, jeweils drei Meter lang.
Das Ladegewicht wird durch die Räder begrenzt, die von einem Rollstuhl stammen. Sie können zusammen bis zu 150 kg tragen. 3 Die Karre selbst wiegt 32 kg, sodass das praktische maximale Ladegewicht etwa 120 kg beträgt. Die Ladefläche besteht aus Latten mit Zwischenräumen, was es leicht macht, verschiedene Arten von Fracht zu sichern.
Sie fährt von selbst!
In den letzten Monaten haben wir festgestellt, dass viele Menschen falsche Vorstellungen von Handkarren haben. Vielleicht denken Sie zum Beispiel, dass das Schieben einer Handkarre viel Kraft kostet – vielleicht aufgrund Ihrer Erfahrungen beim Schieben von Einkaufswagen über Parkplätze oder beim Ziehen schwerer Rollkoffer durch die Innenstadt (so habe ich früher Dinge transportiert, bevor ich eine Handkarre hatte).
Die Benutzung der Handkarre kann jedoch so mühelos sein – selbst wenn sie schwer beladen ist –, dass es sich anfühlt, als würden Sie gar nicht schieben. Sobald sie in Bewegung ist, können Sie sie oft mit einer Hand lenken, und manchmal fühlt es sich so an, als würde der Wagen Sie vorwärtsziehen. Es ist keine Übertreibung zu sagen, dass das Schieben der Handkarre mit einer 100-kg-Ladung bequemer ist als das Gehen mit einem 10 kg schweren Rucksack.
Die Verwendung der Handkarre kann so mühelos sein – selbst bei schwerer Last –, dass es sich anfühlt, als ob man gar nicht schiebt.
Für diese Leichtigkeit gibt es mehrere physikalische Gründe. Jedes Fahrzeug muss drei Kräfte überwinden: den Rollwiderstand, den Luftwiderstand und die Schwerkraft. Bei Schrittgeschwindigkeit ist der Luftwiderstand vernachlässigbar, was bedeutet, dass ein Handkarrenfahrer auf ebenem Gelände hauptsächlich den Rollwiderstand überwinden muss. Dabei handelt es sich um die Reibung zwischen Rädern und Fahrbahn, ein Faktor, der weitgehend unabhängig von der Geschwindigkeit ist.
Im Gegensatz dazu steigt der Luftwiderstand mit dem Quadrat der Geschwindigkeit. Ein Radfahrer, der mit 15–20 km/h fährt, muss bereits mehr Kraft aufwenden, um den Luftwiderstand zu überwinden als den Rollwiderstand – obwohl letzterer in beiden Fällen gleich ist, da Handkarre und Fahrrad ähnliche Räder haben. Kurz gesagt: Die niedrige Geschwindigkeit der Handkarre minimiert den Luftwiderstand, während ihre schmalen Räder den Rollwiderstand minimieren.
Zweitens erfordert das Beschleunigen eines Fahrzeugs mehr Energie als das Halten einer konstanten Geschwindigkeit. Man muss den Schwung nur aufrechterhalten, nicht aufbauen. Unsere Handkarre wird mit Schrittgeschwindigkeit geschoben, sodass der Kraftaufwand für die Beschleunigung nicht länger als ein bis zwei Sekunden dauert. Ein Radfahrer hingegen braucht viel länger, um seine Reisegeschwindigkeit zu erreichen, und wegen des höheren Luftwiderstands ist es anstrengender, diese Geschwindigkeit aufrechtzuerhalten. Bei schwerer Beladung gewinnt die Handkarre schon bei niedriger Geschwindigkeit erhebliche kinetische Energie. Das erklärt, warum es sich manchmal so anfühlt, als würde der Wagen einen vorwärtsziehen – denn das tut er tatsächlich.
Schließlich sind unsere Räder viel größer als die bei heutigen Handwagen. Das sorgt für ein komfortables Fahren auf Asphalt und Gehwegen, die nicht so glatt sind wie Flughafen- oder Supermarktböden. Große Räder erhöhen zwar den Luftwiderstand, aber bei unserer niedrigen Geschwindigkeit spielt das keine Rolle.
Handkarre und Schwerkraft
Ein müheloses Fahren setzt jedoch zwei Bedingungen voraus: ebenes Gelände und eine gut ausbalancierte Beladung. Beide Faktoren stehen im Zusammenhang mit der dritten Kraft, die jedes Fahrzeug überwinden muss: der Schwerkraft.
Die Handkarre ausbalancieren: die Last verteilen
Eine zweirädrige Karre wird schwer zu handhaben, wenn zu viel Gewicht auf der Vorder- oder Rückseite liegt. Deshalb muss man den Wagen so beladen, dass das Gewicht auf beiden Seiten der Räder gleich verteilt ist. Das lässt sich leicht überprüfen: Die Karre sollte mehrere Sekunden lang in waagerechter Position bleiben, ohne dass man sie anfasst. Bei einer einzelnen Ladung platziert man sie über der Mitte der Räder. Bei mehreren Dingen sollte das Gesamtgewicht gleichmäßig auf beide Seiten verteilt sein. Um die optimale Balance zu finden, muss man oft einen Gegenstand von der Vorderseite auf die Rückseite des Wagens verlagern oder umgekehrt.
Das Fahrzeug muss so beladen werden, dass das Gewicht auf beiden Seiten der Räder gleich verteilt ist.
Eine zweirädrige Karre benötigt außerdem Stützen, um sie beim Parken – etwa beim Be- oder Entladen – waagerecht zu halten. Sonst kann die Karre plötzlich nach vorne oder hinten kippen. Unsere Handkarre verfügt über vier Stützbalken, zwei auf jeder Seite. Während der Fahrt befinden sie sich in horizontaler Position. Wenn der Wagen abgestellt wird, nehmen wir einen oder mehrere Balken heraus und stellen sie senkrecht auf. Jede Stütze kann auf eine andere Länge eingestellt werden, sodass wir die Karre auch auf unebenem Gelände stabilisieren können. Wir befestigen die Stützbalken mit Schrauben.
Viele haben uns gefragt, warum wir keine vierrädrige Karre gebaut haben, die man nicht ausbalancieren muss. Vier Räder würden den Rollwiderstand verdoppeln und damit den Kraftaufwand zum Schieben. Außerdem ist eine vierrädrige Karre weniger wendig und auf unebenem Gelände schwieriger zu fahren. Man braucht zudem zwei zusätzliche Räder und einen Lenkmechanismus. Im Laufe der Geschichte war die zweirädrige Handkarre (oder die einrädrige in China) viel verbreiteter als die vierrädrige. 1
Bergauf: nur mit Hilfe
Ein müheloses Fahren setzt mehr oder weniger flaches Gelände voraus, wie es in vielen Teilen Barcelonas vorhanden ist. Geht es steil bergauf, spürt man plötzlich das Gewicht der Karre und ihrer Ladung. Einen schwer beladenen Wagen bergauf zu schieben kann genauso anstrengend sein wie Treppenlaufen oder Radfahren mit Höchstgeschwindigkeit. Man rät uns, wir sollten einen Elektromotor an die Karre bauen, und das wäre durchaus möglich.
Wir haben jedoch eine einfachere Lösung gefunden: Bei Bedarf bitten wir eine weitere Person um Hilfe. Der Griff ist breit genug, damit zwei oder sogar drei Personen gleichzeitig schieben können, was das Bergauffahren erheblich erleichtert. Ein Elektromotor und eine Batterie würden das Gewicht des Fahrzeugs deutlich erhöhen und sind nur dann sinnvoll, wenn man regelmäßig Steigungen bewältigen muss.
Bergab: Bremsen
Bergab muss man der Schwerkraft entgegenwirken, um zu verhindern, dass die Handkarre einen Hang hinunterrast, was sehr gefährlich wäre. Statt die Karre zu schieben, muss man sie zurückhalten. Am Hang sind Radfahrer klar im Vorteil, da sie die Schwerkraft bei der Abfahrt voll ausnutzen können.
Wir haben das Bergabfahren erheblich erleichtert, indem wir Fahrradbremsen eingebaut haben. In Kombination mit den großen Rädern ermöglichen die Bremsen zudem, die Handkarre über Bordsteinkanten oder sogar Treppen hinunterzubugsieren, ohne sie zu beschädigen. Sie dienen zugleich als Feststellbremse, indem man zwei Gurte um sie spannt. So kann man den Wagen unbeaufsichtigt an einem Hang oder bei starkem Wind stehen lassen.
Handkarre fahren auf dem Gehweg
Viele nehmen an, dass Handkarren auf der Straße neben den Autos, oder auf dem Radweg fahren. Das ist nicht der Fall: Man benutzt sie auf dem Gehweg. Rechtlich gesehen befinden sich Handkarrennutzer in einer ähnlichen Situation wie andere Fußgänger, die eine kleinere Karre schieben, etwa einen Kinderwagen. Der einzige Unterschied ist, dass Handkarrennutzer, wenn sie mangels Gehweg oder wegen einer Sperrung auf die Straße ausweichen müssen, auf der rechten Straßenseite gehen sollten, während andere Fußgänger links gehen sollten. Die Polizei hat uns bislang nur einmal angehalten – aus Neugier.
Rechtlich gesehen befinden sich Nutzer von Handkarren in einer ähnlichen Situation wie andere Fußgänger, die eine kleinere Handkarre schieben, etwa einen Kinderwagen.
Wir konnten keine Verkehrsregeln finden, die die Größe eines Handwagens einschränken, zumindest nicht in den wenigen Ländern, die wir recherchiert haben, darunter Spanien. In der Praxis gibt es jedoch klare Grenzen. Ist das Fahrzeug breiter als der Abstand zwischen den Pollern, die Autos aus Fußgängerzonen fernhalten, bleiben Fußgängerzonen für Sie unzugänglich. Man muss auch andere Hindernisse auf dem Gehweg berücksichtigen, wie zum Beispiel Baugerüste. Deshalb ist es kaum sinnvoll, eine Handkarre mit mehr als einem Meter Breite zu bauen.
Barcelona hat in den meisten Stadtteilen sehr breite Gehwege. Wir müssen die Straße nur selten mit Autos oder Radfahrern teilen. Das ist natürlich nicht in jeder Stadt so, und dann wird der Einsatz einer Handkarre weniger attraktiv. Sie auf der Straße oder dem Radweg zu fahren ist ziemlich gefährlich, weil andere Fahrzeuge viel schneller sind.
Rücksicht auf andere Fußgänger
Das Schieben einer großen Handkarre auf dem Gehweg erfordert volle Aufmerksamkeit. Sie wollen nicht an irgendwelche Hindernisse stoßen, und noch viel weniger wollen Sie jemandem in die Beine fahren. Man muss sie mit Rücksicht auf andere Fußgänger und deren Haustiere fahren (manche Hunde fangen an, das Fahrzeug anzubellen). Im Allgemeinen ist die Handkarre sehr sicher zu benutzen, da sie mit sehr niedriger Geschwindigkeit fährt. Das macht Unfälle von vornherein unwahrscheinlicher und verringert die Folgen. Außerdem hat man einen guten Überblick über das Fahrzeug, viel besser als bei einem Auto oder Fahrrad. Solange man die Handkarre im Blick behält, ist es unwahrscheinlich, dass man etwas oder jemanden rammt.
Unsere Handkarre ist aber so leise, dass die Leute sie nicht kommen hören. Wir haben eine Fahrradklingel angebracht, um auf uns aufmerksam zu machen, hoffen aber, in Zukunft einen besseren Klang zu finden: Jedes Fahrzeug sollte seinen eigenen Klang haben. Wir brauchen die Klingel auch für entgegenkommende Fußgänger, die beim Gehen auf ihr Handy schauen und erwarten, dass andere Platz machen. Mit der Handkarre ist das schwierig. Unsere Handkarre verfügt zudem über Vorder- und Rücklichter, die an eine unter der Ladefläche montierte USB-Powerbank angeschlossen sind. Die Beleuchtung ist auf Gehwegen sowohl tagsüber als auch nachts sehr hilfreich, da sie das Fahrzeug besser sichtbar macht. Darüber hinaus ist die Beleuchtung unverzichtbar, wenn man nach Einbruch der Dunkelheit auf die Straße ausweichen muss.
Selbst in Barcelona können die Gehwege voll sein, und ein belebter Gehweg verlangsamt das Fahrzeug erheblich. Da man nur schwer überholen kann, bleibt man hinter den langsamsten Fußgängern hängen.
Eine Handkarre ist kein schwer zu steuerndes Fahrzeug, aber heutzutage haben die Menschen in industrialisierten Gesellschaften keine Erfahrung mehr damit. Neben einer aufmerksamen Fahrweise muss man auch bei unübersichtlichen Kurven vorsichtig sein (so weit wie möglich ausholen) und beim Herausfahren aus einer Garage oder einer anderen Ausfahrt (die Karre lieber ziehen statt schieben). Wenn man den Gegenverkehr sieht, befinden sich bereits 2 Meter der Handkarre auf der Straße oder um die Ecke.
Warum kein Fahrradanhänger?
Fast jeder, der die Handkarre zum ersten Mal sieht, stellt die gleiche Frage: Wie hängt man sie an ein Fahrrad? Gar nicht. Man schiebt sie beim Gehen. Wenn wir das sagen, folgt eine Pause. Eine Handkarre zu schieben, scheint selbst für Menschen, die sich für ein nachhaltigeres Leben einsetzen, einen Schritt zu weit zurück zu sein. Warum sollte man eine Handkarre schieben, wenn man genauso gut einen viel schnelleren Fahrradanhänger oder ein Lastenrad benutzen könnte?
Tatsächlich gibt es mehrere praktische Gründe, einer Handkarre gegenüber einem Fahrradanhänger den Vorzug zu geben, und viele davon haben wir bereits erwähnt. Erstens kann man mit einer Handkarre überall hingehen, wo auch Fußgänger hinkommen, während Radfahrer oft vom Fahrrad absteigen und es schieben müssen – genau wie eine Handkarre. Sie ist außerdem wendiger. Obwohl die Karre beispielsweise 2,5 Meter lang ist, braucht man nur zwei Sekunden und wenig Platz, um sie umzudrehen und in die entgegengesetzte Richtung zurück zu gehen.
Warum sollte man eine Handkarre schieben, wenn man genauso gut einen viel schnelleren Fahrradanhänger oder ein Lastenrad benutzen könnte?
Eine Handkarre kann außerdem größer gebaut werden als ein Fahrradanhänger. Zwar ist es durchaus möglich, einen Fahrradanhänger in der Größe unseres Handwagens zu bauen, doch würde dessen höhere Geschwindigkeit ein viel größeres Risiko für Unfälle und Schäden mit sich bringen – sowohl für den Anhänger selbst als auch für andere Verkehrsteilnehmer. Als Fahrradanhänger müsste er außerdem stabiler gebaut sein und über einen aufwendigeren Bremsmechanismus verfügen.
All das bedeutet nicht, dass Fahrradanhänger eine schlechte Idee sind. Wir haben die Handkarre hauptsächlich für Fahrten zwischen 5 und 10 km genutzt, was einer Gehzeit von ein bis zwei Stunden entspricht. Bei längeren Strecken hat der Fahrradanhänger den offensichtlichen Vorteil der Geschwindigkeit. Bei 40 km würde man mit der Handkarre acht Stunden brauchen, mit einem Fahrradanhänger nur zwei.
Lob der Langsamkeit
Auf die Frage, warum wir die Handkarre nicht als Fahrradanhänger nutzen, können wir auch anders antworten: Warum die Eile? Die Entscheidung, mit dem langsamsten Fahrzeug zu reisen, das es gibt, ist subversiv, weil sie Werte in Frage stellt, die wir in der modernen Welt für selbstverständlich halten, wie Geschwindigkeit und Nützlichkeit.
Für viele erscheint das Schieben einer Handkarre als Zeitverschwendung, aber unsere Erfahrung ist genau das Gegenteil. Jede Fahrt ist ein Abenteuer, und wir freuen uns immer darauf, sie wieder zu benutzen. Es macht Spaß, das Fahrzeug zu lenken – es ist mehr wie das Steuern eines Bootes als das Fahren eines Landfahrzeugs. Man kommt leicht mit anderen Fußgängern ins Gespräch, die meist sehr neugierig auf unser Gefährt sind. Dadurch dauert die Fahrt natürlich noch länger.
Für viele erscheint das Schieben einer Handkarre als Zeitverschwendung, aber unsere Erfahrung ist genau das Gegenteil.
Das Fahren einer Handkarre fühlt sich ganz anders an als jedes andere Verkehrsmittel. Wenn Menschen zu Fuß unterwegs sind, können sie gewöhnlich nicht viel mitnehmen, weder was das Gewicht noch was das Volumen angeht. Die Handkarre hingegen ermöglicht es, beim Gehen einiges dabei zu haben: Getränke, Essen, eine Lautsprecheranlage, Bücher, Ersatzkleidung. Außerdem hat man eine große Ladefläche, auf der man sich ausruhen und andere einladen kann, dasselbe zu tun. Sie wird so zu einem Fahrzeug zum Umherstreifen und Wandern und um Kontakte zu anderen Menschen zu knüpfen.
Zubehör
Nachdem sich die Handkarre als Transportfahrzeug bewährt hatte, begann Kozimo damit, weitere Konstruktionen zu entwerfen und zu bauen, um ihre Einsatzmöglichkeiten zu erweitern. Dieses Zubehör nutzt entweder die Lattenfläche oder die Ständerkonstruktion. Leider endete Kozimos Praktikum, bevor wir all diese Erweiterungen testen konnten, aber die wenigen Erfahrungen, die wir bisher gesammelt haben, zeigen, dass die Handkarre viel mehr als nur ein Transportfahrzeug sein kann.
Beifahrersitz
Die erste und vielleicht nützlichste Ergänzung ist ein Klappsitz. Obwohl unser Handwagen von nur einer Person gefahren werden kann (und dies in der Regel auch wird), lässt er sich insbesondere auf längeren Strecken besser von zwei Personen fahren. Dank des Sitzes kann eine Person den Wagen schieben, während die andere sich darauf ausruht.
Solange die Straße eben ist, erhöht das zusätzliche Gewicht des Beifahrers den Kraftaufwand zum Schieben kaum merklich. So können zwei Personen an einem Tag schneller oder weiter fahren. Beim Bewältigen von Steigungen oder Überqueren von Brücken steigt die zweite Person vom Sitz ab. Falls nötig, hilft er oder sie auch beim Schieben.
Eine Person kann die Karre schieben, während die andere sich im Fahrzeug ausruht, was die mögliche Tagesstrecke erhöht.
Ein zusätzliches Paar Augen auf der Straße ist ebenfalls praktisch. Der Sitz kann in zwei Positionen gebracht werden, sodass Beifahrer und Fahrer entweder in die gleiche Richtung schauen oder sich anblicken, was das Gespräch erleichtert und dem Beifahrer ermöglicht, als Rückspiegel zu fungieren.
Wir haben den Sitz auf einer 30 km langen Tagestour entlang der Küste Kataloniens in Spanien genutzt, als wir Sachen von meiner alten in meine neue Wohnung transportiert haben. Für eine Person allein wäre das eine ermüdende Strecke gewesen. Auf dem Hinweg waren jedoch mehrere Personen dabei, auf dem Rückweg zwei. Die Möglichkeit, sich zwischendurch auszuruhen – ohne anzuhalten –, machte einen großen Unterschied, besonders auf dem Rückweg. Eine zusätzliche Person erwies sich auch als nützlich, als unerwartete Hindernisse auftauchten. So war zum Beispiel eine Brücke in Reparatur, was uns zwang, die Karre die Felsen hinunter, über den Strand und wieder hoch zu tragen.
Mobiles Büro für digitale Nomaden
Als zweite Ergänzung haben wir den Sitz mit einem Arbeitstisch kombiniert, der gleichzeitig als Solaranlage dient, wodurch ein mobiles Büro für digitale Nomaden entstanden ist. Der Tisch lässt sich an den Seiten der Handkarre befestigen und hin- und her schieben. Das Solarpanel kann horizontal oder in verschiedenen Neigungswinkeln aufgestellt werden. Es kann einen Laptop oder jedes andere Gerät mit einem Leistungsbedarf von bis zu 100 Watt aufladen.
Wenn man zu zweit unterwegs ist, kann eine Person am Tisch arbeiten, während die andere fährt. Ist man allein, kann man das Fahrzeug in den nächsten Park oder an den Strand rollen, die vier Stützbeine aufstellen und den ganzen Tag arbeiten. Im Jahr 2016 habe ich mein Heimbüro mit Solarmodulen an den Fensterbänken netzunabhängig gemacht. 4 Zehn Jahre später sind sowohl das Büro als auch die Solarmodule mobil geworden.
Kraftwerk für regenerative Energien
Obwohl wir nur eine Halterung für ein Solarpanel gebaut haben, ist die Plattform des Handwagens groß genug, um insgesamt vier 100-Watt-Solarmodule aufzunehmen. Das würde uns beispielsweise 400 Watt Solarstrom für ein Konzert oder als Notstromversorgung liefern. Der Handwagen kann auch die beiden Fahrradgeneratoren transportieren, die das Low-tech Magazine in Barcelona besitzt. 5 Somit ermöglicht uns der Wagen, jederzeit und in einem Umkreis von mehreren Kilometern schnell Strom bereitzustellen. Die Handkarre könnte tagsüber auch an einen sonnigen Ort gerollt werden, um eine Reihe von Akkus aufzuladen, die einen Haushalt nachts und bei schlechtem Wetter mit Strom versorgen.
Mobiles Nachtlager
Wer am selben Tag zurück möchte, hat mit der Handkarre eine Reichweite von etwa 40–80 km (8–16 Stunden Fußmarsch, hin und zurück). In meinem Fall zwingt mich aber niemand, am selben Tag zurückzukehren. Ich könnte die Handkarre für längere Reisen nutzen, zumal sie mir einen Schlafplatz bietet.
Die vier Stützbeine, die das Be- und Entladen des Karrens erleichtern, können auch dazu genutzt werden, das Fahrzeug in ein Bett zu verwandeln. Nachdem Kozimo in die Niederlande zurückgekehrt war, kaufte ich eine Klappmatratze, die perfekt auf die Ladefläche passt. Auf der Reise kann ich die übrige Fracht nachts unter dem Wagen verstauen. Alternativ könnte ich einen liegenden Passagier schieben und das Fahrzeug in eine Erwachsenenversion eines Kinderwagens verwandeln.
Kozimo hat außerdem vier Stützbeine gefertigt, die fast zwei Meter lang sind. Damit kann ich ein Zelt um das Bett errichten und die Konstruktion mit modernen Zeltstoffen, Wolldecken oder einem Moskitonetz abdecken. An den langen Stangen lässt sich auch Wäsche trocknen. Außerdem könnte ich die Stützbeine in verschiedenen Kombinationen nutzen, um die Karre in ein Podium, einen Messestand, einen Marktstand oder eine Kino- bzw. Präsentationsleinwand zu verwandeln.
Sitz, Tisch, Solarpanel, Schlafmatratze und die längeren Stangen können alle gleichzeitig auf dem Handkarren mitgeführt werden, wobei noch genügend Platz für weiteres Gepäck bleibt. Das bedeutet, dass ich auf dem Fahrzeug potenziell arbeiten, leben und reisen könnte und es so als ein nomadisches Zuhause nutzen könnte. Es liegt irgendwo zwischen einem Tiny House auf Rädern, einem Tipi und einer Notunterkunft für Obdachlose. Die Mieten in Barcelona sind sehr teuer geworden, also warum nicht einen Versuch wagen.
Mit Segel und Inline-Skates unterwegs
Schließlich fertigte Kozimo ein kleines Segel für die Handkarre an, um bei gutem Wind das Ziehen schwerer Lasten zu erleichtern; das Fahrzeug wird manchmal an der Küste eingesetzt. Die Inspiration kam natürlich von der Verwendung von Segeln auf der historischen chinesischen Schubkarre. Für längere Strecken lässt sich das Segel am Wagen befestigen, sodass ich es nutzen kann, wann immer es sich anbietet.
Wir könnten die Geschwindigkeit der Handkarre erhöhen, indem wir ein größeres Segel verwenden und es mit Rollschuhen, Inline-Skates oder einem Skateboard kombinieren. In diesem Fall würde der Wagen den Fahrer bei gutem Wind ziehen. Es ist auch möglich, die Karre ohne Segel mit Rollschuhen, Inline-Skates oder einem elektrischen Einrad zu schieben. Bislang haben wir auf ebenem Gelände einen ersten kleinen Test mit Inline-Skates durchgeführt – mit sehr guten Ergebnissen. Mit ausreichend Ladung würde die kinetische Energie einer rollschuhgetriebenen Handkarre einen auch ohne Segel stetig vorwärtsziehen.
Die höheren Geschwindigkeiten dieser Konfigurationen bringen natürlich ein höheres Risiko mit sich und wahrscheinlich auch Ärger mit der Polizei. Höhere Geschwindigkeiten erfordern ausreichend Platz, frei von Fußgängern. Das zwingt die Handkarre fast immer auf die Straße, zwischen die Autos, da die meisten Radwege nicht breit genug sind. In jedem Fall zeigt es, dass nachhaltige Fahrzeuge viele verschiedene Formen annehmen könnten, wenn wir ihnen nur den Raum gäben, sich zu entfalten. Es gibt mehr als genug Straßen, die für segel- und rollschuhbetriebene Handkarren geeignet sind; wir müssen sie nur von Autos und Transportern befreien.
- Entwurf und Bau der Handkarre: Kozimo, Guilhem Senges.
- Fotos: Kris De Decker, Linda Osusky, Guillaume Lion.
- Besonderer Dank an: AkashaHub Barcelona, Carmen Tanaka, Gaston Quispe Castros, Linda Osusky, Guillaume Lion, Rocío Sánchez, Iris De Decker, Lili-Roos Noeyens, Julia Steketee, Tim Rudolph, Guilherme Maglio, Selcen Küçüküstel.
- Marie Verdeil und Roel Roscam Abbing haben zur Auswahl der Bilder beigetragen.